Schiefergas – Die Energiewende in den USA

Redaktion │ 08. April 2013



Liebe Leser,

in Deutschland werden zur Zeit die Probleme der ambitionierten „Energiewende“ heftig diskutiert. Ansonsten bestimmen bekannte Bilder die Wahrnehmung: die OPEC-Länder als dominante Ölanbieter, Russland als Gas-Supermacht und die USA als Klimasünder, abhängig von Energieimporten.

Diese Wahrnehmung ändert sich rasant mit der sogenannten Schiefergas-Revolution in den Vereinigten Staaten. Technischer Fortschritt und erhöhte Energiekosten machten unkonventionelle Fördermethoden rentabel und führten zu einem Boom bei der Gewinnung von Erdgas in vielen ländlichen Regionen Amerikas. Der neuste Trend ist die Förderung von Schieferöl. Experten gehen davon aus, dass die USA bis 2030 „Energieunabhängigkeit“ erreichen und dabei ihre Handelsbilanz enorm verbessern werden. Die amerikanische Klimabilanz hat sich durch den Ersatz von Kohle- durch Gaskraftwerke bereits verbessert. Seit Beginn der Schiefergas-Revolution wurden in den USA allein im Gasbereich mehr als 1,5 Millionen neue Jobs geschaffen.

Was häufig hierzulande übersehen wird: Die niedrigen Energiepreise erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit und führen zu einer Re-industrialisierung in den USA. Der geplante transatlantische Binnenmarkt hat daher für Europa nicht nur Vorteile, sondern setzt insbesondere energieintensive Industrien weiter unter Konkurrenzdruck. Wir sind in Deutschland also zu einem Zeitpunkt mit dem sehr kostspieligen radikalen Umstieg auf erneuerbare Energien beschäftigt, an dem Wettbewerber sehr viel kostengünstigere Energiequellen erschließen. Was bedeutet dies für die deutsche Industrie und Arbeitsplätze? Wir stehen erst am Anfang einer notwendigen Diskussion.

Deutschland und Europa sind gut beraten, die amerikanische Schiefergaswende und ihre geopolitischen Auswirkungen ernst zu nehmen. Sowohl diese Ausgabe der Global Must Reads als auch die Konferenz „Shale Gas und Shale Oil in den USA – die transatlantische Energiewende?“ unseres Partners BP am 16. April in Berlin liefern hierfür einen Beitrag. Neben einem exklusiven Interview mit Harald Leibrecht, dem Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit, fassen die Must Reads auch Texte von eini-gen Rednern des BP Forums zusammen, darunter US-Botschafter Philip D. Murphy, Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung sowie Dr. John M. Deutch, der für das US-Energieministerium die Umweltaspekte von Schiefergas begut-achtete.

Viel Spaß beim Lesen wünschen Ihre

Dr. Johannes Bohnen & Jan-Friedrich Kallmorgen

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Inhaltsverzeichnis

Interview mit Harald Leibrecht, Koordinator für die transatlantische Zusammenarbeit
Ausgeschöpft: Europa verliert im globalen Energiemarkt an Attraktivität
Neu erfunden: The American Dream und das Schiefergas
Besser kommunizieren: Europas und Amerikas Wunsch nach Transparenz
US-Energiepolitik bleibt Machtpolitik im Persischen Golf
Intelligenter wachsen: Die Widersprüche eines Quantensprungs
E pluribus unum: Divergenz und transatlantische Gemeinsamkeit

 

Interview mit Harald Leibrecht, Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit

Atlantische Initiative: Wie bewerten Sie die Schiefergas-Revolution in den USA? Sehen Sie eine Zukunft für Schiefergas auch in Europa trotz der aktuell sehr kritischen Fracking Diskussion in Deutschland?

Harald Leibrecht: Die Entwicklung der letzten Jahre in den USA im Bereich unkonventionelle Gas- und Ölvorkommen ist beeindruckend. In fünf Jahren hat die Förderung von Schiefergas um fast 50% zugenommen, ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Energieversorgung aus eigenen Quellen. Das ist ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wichtig bei der Förderung von Schiefergas ist natürlich, dass keine Risiken für Mensch und  Umwelt entstehen. Wenn ich es richtig verstehe, ist dies u.a. wegen des Einsatzes von Chemikalien sowie der Auswirkungen auf Trink- und Grundwasser auch in den USA eine noch nicht abgeschlossene Diskussion. Sobald einige auf der Hand liegende Sorgen durch wissenschaftliche und technologische Fortschritte geklärt sind, hat der Schiefergasabbau auch in einigen Regionen Europas eine Zukunft.

Atlantische Initiative: Wie passen die deutsche Energiewende und die amerikanische Schiefergaswende zusammen? Gibt es Synergien zum beiderseitigen Nutzen? Oder werden energieintensive Industrien von Deutschland in die USA ziehen? Droht uns nicht ein erheblicher Verlust der Wettbewerbsfähigkeit?

Harald Leibrecht: Energiewende heißt langfristig weg von fossilen Energieträgern hin zu einer CO2-freien, nachhaltigen Energieversorgung. In den Jahrzehnten des Übergangs spielen hocheffiziente, gut regelbare Gaskraftwerke eine wichtige Rolle als Ergänzung z. B. zu schwankender Windkraft. Die Verfügbarkeit von Schiefergas hat Einfluss auf die weltweiten Gasmärkte, die sich zu einem globalen Markt entwickeln. Dadurch sinken auch die Preise für Gas in Deutschland. Ich glaube nicht, dass wir einen Exodus von energieintensiven Industrien in die USA sehen werden. Verschiedene Standortfaktoren spielen dabei eine Rolle, wie hohe Versorgungssicherheit, zuverlässige Infrastruktur und nicht zuletzt qualifiziertes Fachpersonal. Dass wir mit unserem dualen Berufsausbildungssystem einen erheblichen Wettbewerbsvorteil haben, darum beneiden uns sogar die USA.

Atlantische Initiative: Welche Rolle wird Energiepolitik im geplanten transatlantischen Binnenmarkt spielen?

Harald Leibrecht: Bei der transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft, die wir als EU ab Sommer 2013 mit den USA verhandeln wollen, wird es um drei zentrale Fragen gehen. 1. Marktzugang, 2. Regulatorische Fragen und nicht-tarifäre Handelshemmnisse und 3. Globale Handelsfragen. Hier spielt natürlich der Handel mit Energie ebenfalls eine zentrale Rolle. In den USA kann z. B. verflüssigtes Erdgas leichter in die Länder exportiert werden, mit denen die USA ein Freihandelsabkommen abgeschlossen haben. Schon heute sind viele Energieunternehmen auf der anderen Seite des Atlantiks aktiv. Sie sind sehr daran interessiert, dass bürokratische Hürden, etwa unterschiedliche Normen und Standards, abgebaut werden.

Atlantische Initiative: Was ist aus der vor Jahren viel beschworenen „transatlantischen Klimabrücke“ geworden? Wie können Europa und Nordamerika besser beim Klimaschutz zusam-menarbeiten?

Harald Leibrecht: Seit Gründung der transatlantischen Klimabrücke 2008 hat sich enorm viel getan. Viele US-Bundesstaaten und kanadische Provinzen verfolgen inzwischen eine wesentlich progressivere Klima- und Energiepolitik, als dies derzeit auf jeweiliger nationaler Ebene der Fall ist. Da können wir ansetzen. Mit Konferenzen, Workshops und Besucherreisen treiben wir den Austausch zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft voran. Vertreter aus Minnesota und Iowa waren schon zweimal bei mir zu Gast und sind mit vielen neuen Ideen zu Energieeffizienz und erneuerbaren Energie zurückgekehrt. Auch als ich zu Besuch in Texas war, war ich überrascht, wie hoch das Interesse an unseren Erfolgen beim Einsatz erneuerbarer Energien und den deutschen Erfahrungen etwa mit Elektromobilität war.

Atlantische Initiative: Wenn die USA tatsächlich in den nächsten 20 Jahren energieunabhängig werden, müssen die Europäer sich dann verstärkt um Krisenmanagement im Nahen Osten kümmern? Ist Deutschland bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen?

Harald Leibrecht: Schon heute sind die Nachbarstaaten der USA, vor allem Kanada, die wichtigsten Partner für Öl- und Gasimporte. Nur ca. 20 % aller Ölimporte in die USA kamen 2011 aus dem Nahen Osten, zehn Jahre zuvor waren das noch 27%. Auch wenn dieser Anteil künftig weiter sinkt, bleibt die Region eine wichtige Quelle für andere Abnehmer, deren Energiebedarf steigt. Am Krisenmanagement im Nahen Osten bleiben die USA aus vielen Gründen interessiert.  Da geht es um Fragen wie die nukleare Bedrohung durch den Iran, die Sicherheit Israels und die Entwicklungsperspektiven der Menschen in der Region. Und natürlich sind die USA daran interessiert, dass künftig z. B. Öltanker ohne Probleme die Straße von Hormuz passieren können. Das sind alles Fragen, die uns als Europäer beschäftigen und bei denen wir eng mit den USA zusammenarbeiten.

 

Ausgeschöpft: Europa verliert im globalen Energiemarkt an Attraktivität

Kirsten Westphal (Stiftung Wissenschaft und Politik), Nichtkonventionelles Öl und Gas – Folgen für das globale Machtgefüge, SWP-Aktuell 16, Februar 2013

Mit dem Fracking-Verfahren als nicht-konventionelle Methode der Ressourcengewinnung für Öl und Gas haben die USA ihre Position innerhalb des internationalen Energiemarkts binnen weniger Jahre entscheidend verbessert. Die sogenannte Schiefergaswende ließ die USA bei der Erdgasproduktion zu wichtigen Playern wie Russland aufschließen, eine ähnliche Entwicklung wird bis zum Jahr 2030 bei der US-amerikanischen Ölproduktion prognostiziert. Die USA können damit ihre Importe zur Deckung ihres Energiebedarfs senken, Energieunab-hängigkeit erreichen und auf dem Weltmarkt neben den Schwergewichten Russland, Saudi-Arabien, Iran und Irak eine wichtige Rolle als Energieanbieter und Energieexporteur einneh-men.

Der globale Energiemarkt steht möglicherweise vor wegweisenden Veränderungen, die sich auf die internationale Sicherheitsarchitektur, die US-Außenpolitik und das Wettbewerbsverhalten traditioneller Öl- und Gasproduzenten auswirken. Ein massives Neuangebot an Rohstoffen aus Nordamerika schwächt die strategische Wettbewerbsposition traditioneller Energieexporteure wie Russland, Iran, Katar oder Algerien und deren Preispolitik gegenüber Abnehmerländern.

Niedrige Energiekosten begünstigen eine Reindustrialisierung der USA mit positiven Folgen für den Wert des US-Dollars, die amerikanische Handelsbilanz und die Wettbewerbsposition der USA nicht nur in der Energiewirtschaft, sondern auch auf dem internationalen Wirtschaftsmarkt.

Noch sind die Verschiebungen auf den internationalen Märkten nicht so dramatisch, wie es der US-Energieboom vermuten lässt. Auch der Status quo der Fragmentierung der internationalen Gasmärkte in einen nordamerikanischen, europäischen und asiatischen Markt mit teils starken Preisdifferenzen bleibt bis dato bestehen. Für die Schaffung eines einheitlichen internationalen und flexiblen Gasmarktes ist von hoher Relevanz, dass der US-Boom in der Energieförderung auch in Exporten auf dem Markt seinen Niederschlag findet. US-Schiefergas könnte sich dabei als nicht überall wettbewerbsfähig erweisen. Grund sind die hohen Kosten, die bei Verflüssi-gung, Transport, Regasifizierung und dem Aufbau von Terminals entstehen.

Bei der langfristigen Beurteilung ist es unklar, ob und inwieweit sich das US-amerikanische Modell auf andere Länder übertragen lässt. Politische und rechtliche Rahmenbedingungen, Investitionssicherheit, Infrastruktur und andere günstige Faktoren befeuerten den US-Boom in der Öl- und Gasförderung. International gesehen werden die Chancen und Risiken des Fracking jedoch sehr unterschiedlich bewertet. Frankreich verabschiedete ein Moratorium, bei der Exploration von Vorkommen in Polen folgte der Hoffnung schnell Ernüchterung, China, mit höheren heimischen Gasvorkommen ausgestattet als die USA und weltweit größter Energie-konsument, bezieht weiterhin 70% seines Energiemixes aus Kohle, 19% aus Öl und nur 4% aus Gas.

Die energiepolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre spiegeln geopolitische Trends wider: die Ausgestaltung einer vermehrt multipolaren Welt mit den asiatischen Ländern als Wirtschaftslokomotiven mit hohem Energiebedarf, die Verlagerung der Energieströme vom Atlantik in den Pazifik, das gestiegene politische, wirtschaftliche und strategische Interesse der USA an Asien-Pazifik mit möglicherweise negativen Folgen für die Wettbewerbssituation Euro-pas. Zu einem Zeitpunkt, da die EU ihre Kräfte im globalen Markt bündeln müsste, verstärkt sich die Fragmentierung Europas. Noch hat Europa keine endgültige Antwort gefunden, wie einer neuen Energiewelt zu begegnen ist. Gegenüber den aufstrebenden Ländern in Asien, aber auch aufgrund der neuen Positionierung Nordamerikas auf dem globalen Energiemarkt verliert Europa an Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Schon jetzt sind im Raffineriesektor Verarbei-tungskapazitäten nach Asien abgewandert. Auch die Vereinigten Staaten punkten mit niedrigen Energiekosten als Anreiz für nationale und internationale Firmen.

Vorhersagen über die weitere Entwicklung des internationalen Energiemarkts bleiben jedoch ungewiss: Europas Politik ist gefordert, klare Klimaziele zu wahren und einen stabilen Rahmen vorzugeben, um nicht gegenüber den USA und aufstrebenden Schwellenländern an Wettbe-werbsfähigkeit zu verlieren.

 

 

Neu erfunden: The American Dream und das Schiefergas

Philip D. Murphy (Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland),  The U.S. „Schiefergaswende“ – Economic Growth with Lower Emissions, 20. Handelsblatt-Konferenz der Energiewirtschaft, 23. Januar 2013

Deutschland und Amerika haben Anfang 2013 eines gemeinsam. Sie beide gestalten die globale Ressourcenpolitik neu, Deutschland mit der Energiewende mit dem Schwerpunkt auf erneuerbaren Energien, Amerika mit neuen Fördermethoden von Erdgas. Nur auf den ersten Blick erscheinen die Methoden widersprüchlich, bei genauerer Prüfung verfolgen beide Ansätze die gleichen Zielvorstellungen und bergen enormes Potenzial zur Lösung drängender globaler Fragen wie Klimaschutz und Energie- und Ressourcensicherheit.

Die Schiefergaswende hat zu sehr positiven Folgen für die Vereinigten Staaten als Land, für seine Wirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit und seine Konsumenten geführt. Die USA haben sich innerhalb des Weltmarktes erfolgreich neu positioniert. Niedrige Kosten für Energie und Strom eröffnen Möglichkeiten für renditeträchtige Investitionen in Energiewirtschaft, Industrie und anderen Branchen. Der durchschnittliche US-Haushalt wird im Vergleich zu anderen Ländern wesentlich geringer mit Kosten für Energie und Strom belastet. Wirtschaftsbranchen wie Konsum, Textilwirtschaft, Transport & Logistik oder die Automobilindustrie können davon durch Verringerung der Produktionskosten, höhere Margen und insgesamt verbesserte Wettbe-werbsfähigkeit profitieren. Zugleich bringt die Schiefergaswende neue Dynamik in den Arbeits-markt und das Wirtschaftswachstum Amerikas. US-Bundesstaaten, in denen bis dato eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, melden aufgrund der Schiefergasförderung und der daraus resul-tierenden Ansiedlung anderer Industriezweige deutlich geringere Arbeitslosenzahlen.

Auch die Weltwirtschaft und der globale Klimaschutz mit Gas als Substitut für Öl und Kohle profitieren. Schiefergas wirkt gerade deswegen nicht als Konkurrenz zu erneuerbaren Energien, sondern als deren Ergänzung. Vor diesem Hintergrund ist zu betonen, dass die sogenannte Schiefergasrevolution nicht das Ende der Förderung der erneuerbaren Energien in den USA bedeutet. Die „Grand Strategy“ der Regierung beinhaltet sowohl den Ausbau der heimischen Öl- und Gasgewinnung als auch Maßnahmen und Initiativen zur Verbesserung der Energie-effizienz und grüner Technologien. Als Beispiel dient der Bundesstaat Kalifornien – national und international Vorreiter bei der Nutzung von „Green Technology“.

Die Methode des „Hydraulic Fracturing“ zur Gewinnung von Schiefergas und –öl wird sowohl in der amerikanischen als auch der deutschen Öffentlichkeit teils kritisch betrachtet. Zur Debatte stehen mögliche Umweltschäden, wie eine Kontaminierung des Trinkwassers, einer Belastung der Luftqualität und langfristige Risiken für Umwelt und Mensch. Diese Sorgen von Umwelt-behörden und Zivilbevölkerung müssen ernst genommen werden. Trotz der Euphorie über die positiven Folgen des Verfahrens für hydraulische Rissbildung müssen sowohl die Regierung als auch die Industrie Transparenz und Vertrauen in diese Methode schaffen. Nur durch Information und Offenlegung aller Daten ist es möglich, Kritikpunkte anzusprechen und zu entkräften. Alle beteiligten Akteure, sei es Industrie, Bundesregierung oder die Regierungen der Bundes-staaten, handeln verantwortlich und im Sinne von Wirtschaft, Umwelt und Bevölkerung. Es existiert ein breites Netzwerk von Gesetzen und Regeln, die garantieren, dass der Abbau sicher, gefahrenlos und effizient abläuft. Die Schaffung einer eigenen „Blue Ribbon Commission“ auf Initiative Barack Obamas im Jahr 2012 ist nur eine von vielen Maßnahmen, um Transparenz, Aufklärung, Dialog und Bürgerbeteiligung kontinuierlich zu verbessern.

 

 

Besser kommunizieren: Europas und Amerikas Wunsch nach Transparenz

John M. Deutch (Massachusetts Institute of Technology), Grasping Opportunity: Why It Is Important and What Should Be Done, Januar 2012

Das Zukunftspotenzial neuer Gasquellen und neuer Fördermethoden in den USA ist enorm. Dieses neue große Energiereservoir hat sowohl Auswirkungen auf die US-Wirtschaft, die US-Konsumenten als auch auf die Struktur des weltweiten Energiemarkts. Galten die USA zuvor als extrem abhängig von Rohstoffimporten aus strategisch wichtigen, aber auch politisch instabilen Regionen, so entspricht dieses Bild gerade aufgrund eines möglichen einheitlichen nordame-rikanischen Energieangebots und Energiemarktes nicht mehr der Wirklichkeit. Noch klassifiziert die US Energiebehörde EIA (Energy Information Agency) auch Lieferungen aus Kanada als Importe. In einem einheitlichen nordamerikanischen Markt würden sie jedoch als innerame-rikanisch gelten. Die daraus gewonnenen Kapazitäten ließen die regional verfügbare Energie-menge Nordamerikas erheblich anwachsen, schätzungsweise um eine Million Barrel pro Tag. Auch in Bezug auf den Anteil von Biokraftstoffen sind die EIA-Prognosen eher vorsichtig. Bis zum Jahr 2025 könnte diese Energiequelle durch adäquate politische Maßnahmen und staatliche Förderungspolitik weit mehr Barrel bringen als von der EIA berechnet.

Bislang galt es als wenig vorstellbar, dass heimisches Gas importiertes Öl als Energiequelle ersetzen kann. Das könnte sich ändern: Die effektive Nutzung von Gas birgt Chancen für die Automobil- und Transportindustrie. Weniger CO2-Emissionen durch Automobile gelten abseits des Wirtschafts- und Jobwachstums als ein weiterer positiver Nebeneffekt der Schiefer-gaswende und wirkt als nachhaltige Maßnahme der USA zum globalen Klimaschutz.

Allein: Über zukunftsträchtige Energieformen als Alternativen zur umweltbelastenden Energie-gewinnung wurde in der Vergangenheit oft diskutiert. Die Atomkraft gilt als bestes Beispiel. Langfristig fehlt es diesen Alternativen allerdings an Überzeugungskraft. Energieindustrie, Lobbyisten, Produzenten und staatliche Behörden postulieren Nachhaltigkeit und Umweltver-träglichkeit, ziehen kritische Aspekte wie den Umgang mit Atommüll oder die Sicherheit der Atommeiler jedoch ungenügend in Betracht. Für eine überzeugende Energiepolitik, national und international, sind folgende Punkte von zentraler Bedeutung:

1. Mehr Information und Transparenz seitens der Energieindustrie: Umweltschutzbedenken der Bevölkerung müssen ernst genommen werden. Durch eine proaktivere Rolle sowohl staatlicher Behörden als auch der Energieindustrie kann es gelingen, die Bevölkerung mit einzubeziehen, Vertrauen zu schaffen und Zweifel über mögliche schädliche Auswirkungen von „Fracking“ auszuräumen. Bisher greifen die Erklärungsversuche der Industrie in diesem Punkt zu kurz. Sie konzentrieren sich darauf, dass die ökonomischen Vorteile die ökologischen Belastungen übertreffen und sich bei den bis dato langfristig untersuchten und beobachteten Fracking-Bohrungen keine Umweltgefahren und Sicherheitsrisiken ergeben.

2. Insgesamt bedarf es einer Verbesserung des gesetzlichen Regelwerks: Der gesamte Prozess der Erkundung, Ausschreibung, Lizenzvergabe bis zur endgültigen Förderung ist zu intransparent. Die Interessen der US Environmental Protection Agency (EPA) als nationale US-Umweltaufsichtsbehörde kollidieren mit denen staatlicher und föderaler Akteure, Gesetz-gebungsverfahren überschneiden sich, Kontroll- und Inspektionsmechanismen erweisen sich als zu problematisch.

 

 

US-Energiepolitik bleibt Machtpolitik im Persischen Golf

Anthony H. Cordesman (Center for Strategic International Studies), The Myth or Reality of US Energy Independence, 2. Januar 2013

Das Thema „Energieunabhängigkeit“ hat die Außen- und Sicherheitspolitik der USA in den letzten drei Jahrzehnten maßgeblich begleitet. Analysen postulieren nun, dass die Vereinigten Staaten zum energiepolitischen Selbstversorger und wichtigen Energieexporteur avancieren werden. Diese Studien sind legitimer Ansatzpunkt aktueller Diskussionen über Amerikas Energiepolitik und energiepolitische Unabhängigkeit, müssen jedoch differenziert betrachtet werden. Zwar können die USA ihre Abhängigkeit von Ölimporten senken, aber auch die optimis-tischsten Prognosen lösen einen fundamentalen Aspekt amerikanischer und globaler Sicher-heits- und Energiepolitik nicht: Der Persische Golf bleibt bis 2040 in Bezug auf Energie-sicherheit, Ölförderung und Energietransporte eine strategisch immens wichtige Region – nicht nur für die USA, sondern auch für aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien.

Für Washington stellen sich folgende Realitäten, die von den optimistischen Schätzungen in Bezug auf Amerikas Energiereserven teils nicht in Erwägung gezogen werden:

1. Die USA werden große Teile ihres Energiebedarfs weiterhin durch direkte Importe beziehen und auch beziehen müssen. Kurz- bis mittelfristig ist in den nächsten zehn Jahren keine fundamentale Änderung des Status quo zu erwarten.

2. Senkt das gestiegene heimische Angebot durch nicht-konventionelle Förderungsmethoden auch den Ölpreis für die USA und ihre Energiewirtschaft? – Eher unwahrscheinlich. Der Ölpreis wird vom weltweiten Markt bestimmt, Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Auch wenn die Vereinigten Staaten versuchten, als Energieexporteur bilaterale Abkommen mit Importländern zu erreichen, geschieht dies abhängig vom Weltmarkt, von Schwankungen der Weltwirtschaft und globalen Preisbestimmungen. Die Aussichten, niedrige Preise für amerikanische Konsu-menten zu generieren, sind daher als eher unwahrscheinlich anzusiedeln. Die Amerikaner werden, auch wenn die Gaspreise in den USA purzeln, weiterhin Weltmarktpreise für Öl zahlen müssen.

Problematisch gestaltet sich für verbindliche Zukunftsanalysen des US- und globalen Energie-marktes die Widersprüchlichkeit der amerikanischen und internationalen Studien. Die Internat-ionale Energie Agentur (IEA) postuliert eine Energiewende zugunsten der USA, während die amerikanische EIA auf Daten verweist, dass die Abhängigkeit Amerikas bestehen bleibt und die Ölimporte ab 2030 wachsen. Verlässliche Vorhersagen gestalten sich schwierig, auch weil die EIA bei ihrer Datenerhebung auf Methoden zurückgreift, die teils aus den 70er Jahren stammen und somit überholt sind.

Realpolitisch ist die These der Energieunabhängigkeit eher Chimäre als Realität. Die Zukunft der globalen Energie oder der Ressourcensicherheit bleibt in der Golf-Region und wird maßgeblich von der Rolle des Iran bestimmt. Beliebtes Bedrohungsszenario ist es daher, dass der Iran die strategisch wichtige Straße von Hormuz zwischen Iran und dem Oman für den freien Handel sperrt – mit folgenschweren Auswirkungen für die Weltwirtschaft. Dieser Seeweg ist ein Nadelöhr des Welthandels mit Energieprodukten und wird dies in absehbarer Zeit auch bleiben. In den vergangenen Jahren flossen durch die Meerenge bis zu 17 Millionen Barrel Öl täglich, das sind bis zu 40 Prozent der weltweiten Öltransporte auf See. Hinzu kommen noch die zunehmenden Transporte von Liquified Natural Gas (LNG). Energiepolitik wird demnach weiterhin eng mit außen- und sicherheitspolitischen Fragen, insbesondere in Bezug auf die Region des Persischen Golfs, verknüpft sein.

 

 

Intelligenter wachsen: Die Widersprüche eines Quantensprungs

Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung), Ressourcen-Fluch: Warum der Gas-Boom den Sprung ins solare Zeitalter gefährdet, Internationale Politik 2, März/April 2013

Vorhersagen über die weltweiten Energiereserven sind paradox. Die global erfassten Ölreserven lagen zu Beginn der 1970er Jahre bei rund 600 Milliarden Barrel, im Verlauf der vergangenen 40 Jahre wurde jedoch eine größere Menge Öl gefördert – 760 Milliarden Barrel. Die globalen Reserven belaufen sich heute auf 1,2 Billionen Barrel. Im Jahr 1972 postulierte David Meadows in „Grenzen des Wachtsums“ die These von der Endlichkeit und Erschöpfung der Rohstoffe. In Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit wurde dieses Szenario zu einer scheinbar unumstößlichen Gewissheit. Neue Explorationen, neue Fördertechniken, neue Milliarden- und Billionen-Volumen sowie der Erdgas-Boom in den USA scheinen diese These ad absurdum zu führen.

Nicht mehr die Endlichkeit der Rohstoffe dient als zentrales Motiv für die kritische Grenze des Wachstums heute, sondern vielmehr die Überlastung der Ökosysteme wie Klima, Böden, Meere und Grundwasser. Die Anreicherung von Treibhausgasen in der Atmosphäre und der Klima-wandel mit seinen befürchteten massiven negativen Auswirkungen stellen sich als die drängendsten Probleme dar. Die Weltbevölkerung wächst, Bedürfnisse und Erwartungen nach Nahrungs- und Energiesicherheit steigen und damit erhöhen sich auch Produktion und Konsum.

Es ist aber gerade nicht die Frage nach dem Wachstum der Weltwirtschaft, die sich in den kommenden Jahren von essentieller Wichtigkeit erweist, es geht vor allem darum, dem sich abzeichnenden ökologischen Dilemma eben nicht mit fossilen Energieträgern zu begegnen. Nur wenn eine Dekarbonisierung gelingt, glückt der Sprung vom fossilen ins solare Zeitalter. Öl, Gas und Kohle, ihre gewaltigen neuen Reserven und auch die innovativen Fördermethoden jüngster Zeit liefern dafür leider, auch wenn sie teils als revolutionär gelten, keine zeitgemäßen Antworten.

In Europa und Amerika klaffen die energiepolitischen Realitäten mehr und mehr auseinander. Amerika wird wieder zu Petro-Großmacht, bedingt nicht nur durch den Erdgas-Boom, sondern auch durch seine steigende Macht als Ölförderer und Ölexporteur. Eine Studie der Harvard Business School geht davon aus, dass die Ölproduktion Amerikas bis zum Jahr 2020 11,6 Millionen Barrel pro Tag erreicht. Im Vergleich zu heute ein Anstieg um 3,6 Millionen Barrel. Damit wären die USA vor Russland und hinter Saudi-Arabien das weltweit zweitgrößte Ölförderland. Zusammen mit der Entwicklung beim Erdgas eröffnen sich den USA damit neue Wege, strategisch, machtpolitisch und geografisch. Ist der Ausbau des Panama-Kanals abgeschlossen, ist für US-Tanker der Weg nach China und Japan frei, auch der Eigenbedarf kann aus der nationalen Produktion gedeckt werden. Vereinzelt ist von einem Aufbruch in eine neue Ära und einer geopolitischen Revolution die Rede: Öl-Überfluss und dies nicht in den Händen der OPEC.

Der Petroboom hat allerdings seine Schattenseiten. Die Initiativen der US-Regierung, erneuerbare Energien zu fördern, dürften zunehmend im Sand versickern. Schon jetzt hat sich die bisherige Förderpolitik für erneuerbare Energien eher als erratisch als erfolgreich herausgestellt. Die Versuchung ist groß, in Zukunft nur noch auf Öl und Gas zu setzen und damit die Chance zu verpassen, Wegbereiter einer grünen Energierevolution zu sein. Eine weniger ambitionierte Energie- und Klimapolitik mit sinkendem Engagement für regenerative Energieträger und Energieeffizienz lässt auch die Aussichten auf ein globales Klimaabkommen schwinden.

Um mehr Wohlstand aus weniger Energie, weniger Fläche und weniger Rohstoffen zu gene-rieren, bedarf es mehr Ressourceneffizienz, mehr Wachstum an grüner Technologie und nicht automatisch mehr internationaler oder nationaler Energiereserven. Deutschlands Energiewende kommt als Initiative zur rechten Zeit, wirkt als Pilotprojekt und hat, wenn erfolgreich, revolu-tionären Charakter und Signalwirkung global.

 

 

E pluribis unum: Divergenz und transatlantische Gemeinsamkeit

Marianne Haug (Universität Hohenheim), Shale gas and renewables: divergence or win-win for transatlantic energy cooperation?, Journal of Transatlantic Studies, Dezember 2012

Die transatlantische Zusammenarbeit in der Energiepolitik in den vergangenen zwei Jahr-zehnten beruht auf der von der Internationalen Energie Agentur (IEA) verabschiedeten Leitidee der „Shared Goals“. Diese beinhalten vorrangig drei Aspekte: Energiesicherheit, ökologische Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Es lohnt ein Blick zurück: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts konzentrierte sich der transatlantische Dialog auf die Punkte Energie-sicherheit und Wettbewerb. Freie Märkte, niedrige und stabile Ölpreise, freier Zugang zu Res-sourcen und Investitionen und stabile und ausgeglichene Marktkräfte waren Leitlinien der transatlantischen Energiestrategie. Allein: Der globale Handel mit Öl wurde durch die OPEC bestimmt, auch auf dem weltweiten Gasmarkt zeigten sich immer mehr Strukturen eines Oligopols. Die wichtigsten Player mit den größten Gasreserven (Russland, Iran und Katar) waren im Begriff, ein Kartell ähnlich der OPEC zu bilden und Angebot und Preis festzusetzen.

Aus heutiger Perspektive hat sich der internationale Energiemarkt auf den ersten Blick wenig verändert. Öl ist wichtigster Rohstoff geblieben, fossile Energieträger zeichnen sich für rund 80% des weltweiten Energieverbrauchs verantwortlich. Erneuerbare Energien wachsen zwar stark, können aber nur schwerlich mit der weltweit rasant zunehmenden Energienachfrage mithalten, die Zukunft der Atomkraft ist weiterhin ungewiss, die Abhängigkeit Europas von russischen Gaslieferungen weiterhin Realität. Das anvisierte Ziel stabil niedriger Energiepreise wurde bei Öl und Kohle nicht erreicht: Der Ölpreis stieg um ein Vielfaches, der Preis für Kohle erhöhte sich um mehr als das Doppelte.

Nordamerika und Europa setzen auch bei anderen zentralen Fragestellungen aktueller und zukünftiger Energiepolitik unterschiedliche Prioritäten. Europa hat in seiner Energiestrategie bis 2020 ein gesetzlich bindendes Regelwerk geschaffen, den Anteil erneuerbarer Energie am Energiemix auf 20% zu erhöhen, bis 2050 sieht der Masterplan einen Anteil von 55 bis 80% Prozent vor. In der europäischen Öffentlichkeit sorgte die Entscheidung der damaligen Regierung unter George W. Bush, das Kyoto-Protokoll nicht zu ratifizieren, für Verwunderung und teils Befremden. Letzteres setzt sich heute fort in der Beurteilung des US-amerikanischen Schiefergasabbaus oder Kanadas Ölsandförderung. Auch die Obama Administration konnte europäische Hoffnungen auf ein international bindendes Abkommen zur Bekämpfung des Klimawandels nicht erfüllen. Initiativen zum Ausbau regenerativer Energie scheiterten entweder aus US-innenpolitischen Gründen oder auf internationaler Ebene an fehlendem Konsens der transatlantischen Partner.

In Europa steckt die Technik des „Hydraulic Fracturing“ noch in den Kinderschuhen. Auch hat Fracking die europäische Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit nicht überzeugt. Hat sich somit der transatlantische Energiekonsens fundamental verändert? Teilen Nordamerika und Europa in der internationalen Energiepolitik noch die gleichen Interessen? Wie wirken sich die unter-schiedlichen Ansätze langfristig auf die transatlantische Zusammenarbeit aus?

Es wäre leicht, aber zu kurz gegriffen, aus den unterschiedlichen energiepolitischen Ansätzen Europas und Amerikas eine kurzfristige respektive dauerhafte Spaltung des transatlantischen Verhältnisses abzuleiten. Amerika und Europa bedingen sich und brauchen einander. Schiefergas und Schieferöl in Amerika, Windkraft und Solarenergie in Europa stehen kurzfristig im Widerspruch zueinander: Langfristig jedoch ergänzen sich beide Ansätze. Auch in Europa haben Politik und Industrie mit ihrer Unterstützung der erneuerbaren Energien und Investitionen in Forschung & Entwicklung Arbeitsplätze und attraktive Rahmenbedingungen geschaffen. Gleiches gilt für die Vereinigten Staaten. Die Anstrengungen dies- und jenseits des Atlantiks, die bisherigen Energieträger zu diversifizieren und auf neue innovative Ideen zu setzen, sind somit eine Win-Win-Situation für die transatlantische Partnerschaft – und kommen auch dem Gemeinwohl und der Idee einer nachhaltigen internationalen Klimapolitik zugute.

 

Photo: Marcellus shale gas-drilling site along PA Route 87, Lycoming County by Nicholas A. Tonelli, cc-by-2.0.

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