Zur Verantwortung befreit – Wie Gauck ein zweiter Weizsäcker werden könnte

Jan Techau │ 22. Mai 2012



Schluss mit Wegducken: Das Trauma des Kriegs verhindert nach wie vor, dass Deutschland eine erwachsene Außenpolitik betreibt. Doch Berlins diplomatische Untätigkeit erzeugt in der Welt eher Angst statt Vertrauen. Bundespräsident Joachim Gauck könnte den Deutschen helfen, ihr eigenes Misstrauen zu überwinden – mit wegweisenden Worten, wie sie sein Vorgänger Richard von Weizsäcker vor 27 Jahren ausgesprochen hat.

Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 das Ende des Zweiten Weltkriegs als Befreiung für Deutschland bezeichnete, war auch die Rede selbst ein Akt der Befreiung.

Kapitulation und Niederlage konnten endlich von allen als das verstanden werden, was sie wirklich waren: eben nicht das schmähliche Ende eines vermeintlich aufrechten Kampfes, sondern die Befreiung von einem verbrecherischen System, das die Deutschen selbst nicht hatten abschütteln können.

Doch die Rede Weizsäckers hat einen – bisher unausgesprochenen – zweiten Teil. Ihm kommt heute, 27 Jahre später, wachsende Bedeutung für Deutschlands Außenpolitik zu. Zur Befreiung von außen, die zur Voraussetzung für die innere Freiheit der Deutschen wurde, muss nun konsequenterweise die Befreiung von innen heraus treten, die diese Nation in die internationale Verantwortung führt. Nur durch eine solche Selbstbefreiung vom eigenen Trauma kann Deutschland innerlich gefestigt auch nach außen ohne Halbherzigkeiten für die Freiheit wirken.

In der Nachkriegszeit definierte sich deutsche Verantwortung in der Welt vor allem als Passivität: geringstmögliche Ambitionen, allgemeine Zurückhaltung. Dies passte zur Scham des Tätervolkes, welches sich selbst unheimlich geworden war, nachdem es endlich begriffen hatte, welche Verbrechen es begangen hatte

Wenn Misstrauen zur Tugend wird

Das Misstrauen gegen sich selbst wurde zur Tugend. So sehr, dass viele Deutsche überrascht sind, wenn der polnische Außenminister Radoslav Sikorski sagt, nicht die Umtriebigkeit der Deutschen mache ihm Angst, sondern die außenpolitische Untätigkeit. Die Polen, die unter Hitlers Soldaten litten wie – mit der Sowjetunion – kein anderes Land, wünschen sich ein starkes Deutschland?

Den Deutschen fällt es schwer, diese Botschaft anzunehmen. Das Trauma der eigenen Geschichte bleibt wirksam. Es ist in der außen- und sicherheitspolitischen Debatte stets präsent und führt zu schweren Verirrungen, wie die deutsche Libyen-Politik gezeigt hat. Deutsche fürchten, dass ihr Mitmischen in der Welt doch wieder dem Falschen dienen könnte. Deswegen gilt ihnen Raushalten als bessere Option, zumal bei allen militärischen Fragen.

Diese vermeintliche Unschuld aus dem historischen Schuldbewusstsein heraus stand jedoch nur dem moralisch bankrotten Nachkriegsdeutschland gut zu Gesicht. Für das europäisch und transatlantisch integrierte und demokratisch bewährte Deutschland erzeugt diese Außenseiterrolle das Gegenteil dessen, was sie ersehnt: Misstrauen statt Vertrauen, Vorbehalt statt Freundschaft, moralischen Zwiespalt statt Klarheit.

Es könnte die Aufgabe des jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck sein, mit seiner einzigartigen Biografie und seinem Wissen um Schuld, Misstrauen und Verständigung, den Deutschen das Angebot zu machen, ihr eigenes Misstrauen zu überwinden, und die gewonnene Freiheit aktiv zu leben.

Die Botschaft wäre klar: Deutschland muss sich selbst annehmen als Kraft für die Freiheit in der Welt. Es muss sich in der Pflicht sehen für das, was es sich selbst zu geben 1945 nicht in der Lage war. Und die Deutschen müssen verstehen, dass sie (außer für ein paar unverbesserliche Hitlerbärtchenmaler) nicht mehr unter Generalverdacht stehen – sondern dass ihr Land als internationale Macht für eine bessere Welt geschätzt ist.

Der Außenminister Polens nennt Deutschland Europas unentbehrliche Nation. Damit ist, anders als Spötter meinen, nicht nur deutsches Steuergeld gemeint. Gemeint ist, dass Deutschland als größtes, stärkstes und geografisch zentrales Land in Europa heute Führungsmacht ist, ob es will oder nicht. Was immer es tut, es hat Auswirkungen auf andere. Sikorski macht deutlich, dass Deutschland diese Rolle annehmen muss, um seine Verantwortung für Europa auszufüllen. Was er indirekt sagt, ist: wir kennen euch, wir vertrauen euch, wir wissen, dass ihr zu den Guten gehört. Begreift es auch endlich selbst!

Doch der Weg zum Begreifen, zum Selbstverständnis in dieser zentralen deutschen Seelenfrage führt über die vielleicht schwerste innere Hürde: über die Versöhnung mit sich selbst. Dieses Land wird seine Rolle nur finden können, wenn es mit sich selbst Frieden macht. Wir müssen uns selbst vergeben – ohne zu vergessen! So wie uns andere längst vergeben haben, ohne zu vergessen.

Dies ist besonders wichtig: Sich selbst zu vergeben heißt nicht, den billigen Schlussstrich zu ziehen. Es bedeutet nicht das Ende des Erinnerns, der Aufarbeitung von Naziverbrechen. Es heißt, sich selbst so weit zu vertrauen, dass man bereit ist, für das Gute auch Risiken einzugehen. Es heißt, in Vergegenwärtigung der Vergangenheit die Verantwortung für die Zukunft anzunehmen, und sie mutig, entscheidungsfreudig und tatkräftig zu tragen, statt ihr verdruckst, kleinmütig und ängstlich auszuweichen. Vergebung befreit zur Verantwortung, nicht aber von der Vergangenheit.

Schluss mit Wegducken

Was bedeutet das in der Außenpolitik? Dass man in der EU mit Elan und Kreativität die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik mitbaut, statt in Brüssel bei jedem Kleinstprojekt auf der Bremse zu stehen. Dass man sich materiell und intellektuell an der Fortentwicklung der Nato beteiligt, statt sich bei den großen Sicherheitsdebatten wegzuducken. Dass man über den Einsatz der eigenen Streitkräfte frei entscheiden kann, dass man dann aber nicht, wie lange in Afghanistan, kneifen darf, wenn es um Kampfeinsätze geht. Und dass man sich im UN-Sicherheitsrat klar zum Richtigen bekennt statt sich, wie in der Libyenfrage, in blamabler Weise davon abzuwenden. Diese Verantwortung ist den Deutschen zumutbar, genauso wie ihnen ihre Geschichte zumutbar ist.

Kurz, es heißt: tätiges Eintreten für die Werte, an denen wir uns selbst nach 1945 aufgerichtet haben, allen voran die Freiheit, Joachim Gaucks Herzensthema. Ein Bundespräsident hat kaum Einfluss auf die Außenpolitik. Aber er kann helfen, die inneren Voraussetzungen für gute Außenpolitik zu schaffen. Wer, wenn nicht der Versöhner und Gottesmann Gauck, könnte den Deutschen in einer großen Rede in der Weizsäcker’schen Tradition klarmachen, dass sie nur dann in Freiheit und in Frieden mit sich, ihren Nachbarn und der Welt leben können, wenn sie den Mut aufbringen, sich selbst zu vergeben?

Jan Techau ist Direktor des Think Tanks von Carnegie Europe in Brüssel.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content). Dieser Artikel erschien zuerst am 8. Mai 2012 hier in der Süddeutschen Zeitung. Die Redaktion bedankt sich sehr herzlich bei der SZ für die Erlaubnis zur Übernahme.

Quelle Artikelbild: Gerd Altmann/Carlsberg1988  / pixelio.de

1 Kommentare

  1. J. Petersen Says:

    Der moralische Tiefpunkt Deutschlands findet sich am 8.Mai 1985. Da hat sich der häßliche Deutsche gezeigt: Der Unterwürfige, der Staubkriecher, Stiefellecker. Und jetzt die niederste Spezies dieses Planeten: Dessen Beifallklatscher. Mit diesen Gestalten die Bezeichnung „Deutscher“ teilen zu müssen, verursacht eine Übelkeit, gegen welche es keine Therapie gibt.

    Um es klar zu stellen: Die wenigsten Deutschen sind „häßlich“. Wenige Deutsche zwischen 1933 und 1945 mögen schwere Verbrechen begangen haben, mögen völlig unmoralische Wesen gewesen sein. Aber an diese rückgratlosen Gestalten von heute, reichen sie nicht ran.

    Auch heute ist der Menschenschlag der gemeinen deutschen Schleimkröte nur eine Minderheit. Die meisten haben mit den von einem Carnegie-Vertreter verkauften Interessen nichts gemein und sind instinktiv ablehnend.

    Ihnen fehlt allerdings die Alternative. Noch? Meine Alternative heißt Deutschland. Das wirkliche Deutschland. In dem Schleimkröten bestenfalls eine Anstellung im Zoo bekommen.






Außenpolitik für alle!

Die Atlantische Initiative will einen Beitrag zur Stärkung der außenpolitischen Kultur in Deutschland leisten. Mitgestaltung außenpolitischer Prozesse muss für alle möglich sein. Dafür ist es wichtig, alle Teilbereiche der Gesellschaft besser zu vernetzen. Besonders liegt uns die Förderung von Partizipationsmöglichkeiten für die junge Generation am Herzen. Um unser Motto mit Leben zu füllen, haben wir eine Reihe von Projekten entwickelt. Wir freuen uns auf Ihre Beteiligung.

Archiv