Dezember 2011: Schwerpunkt Start-up Nation Israel

Redaktion │ 22. Dezember 2011



Liebe Leser,

diese Ausgabe der Global Must Reads legt den Schwerpunkt auf Israel, aber einmal nicht auf die außen- und sicherheitspolitische Situation.

Wir durften auf Einladung der inzwischen globalen Digital Life Design (DLD) Konferenzserie des Burda Verlags nach Tel Aviv reisen, um dort ein Israel zu erleben, das in den Nachrichten zu wenig vorkommt: entspannt, international und weltoffen, unternehmerisch ambitioniert und neue Technologien geradezu umarmend.

DLD Tel Aviv brachte einige 100 digitale Vordenker, Unternehmensgründer und Lenker aus New Media und IT Firmen, sowie Investoren aus der ganzen Welt mit der Tech-Gründerszene in Israel zusammen. Im Hafen von Jaffa wurden Zukunftstrends im Internet, neue Geschäftsmodelle und Unternehmertum im 21. Jahrhundert diskutiert. Vor allem aber wurde klar, dass Tel Aviv eines der neuen Kraftzentren der neuen globalen digitalen Industrie geworden ist. Wie viel dies mit Standortpolitik zu tun hat, machte die Leiterin von Tel Aviv Global Cities, Hila Oren, deutlich: eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, freies WLAN und proaktive Unterstützung von Gründern bei administrativen Fragen, Businessplänen und Fundraising. Von Orens – „Your goal is our success!“ – sind die meisten deutschen Metropolen Lichtjahre entfernt.

Die Gründe für den heutigen IT- und Internetboom liegen jedoch auch tiefer: Unternehmertum und Technikaffinität, Exportorientierung, und die Rolle des Militärs als Ausbilder der „best and brightest“ sind entscheidende soziale und historische Voraussetzungen. Dies alles ist verbunden mit Chuzpe, sprich Hierarchien und Bestehendes in Frage zu stellen und disruptiv zu denken. Dazu bringen informelle Netzwerke in einem kleinen Land und die große Diaspora Ideen, Kontakte und natürlich Kapital nach Israel.

Die Startup-Nation Israel ist nur eine Seite der Medaille und die Beschäftigung mit ihr kann die politische Diskussion nicht ersetzen. Doch gerade der jüngeren digitalen Generation, die global denkt und vernetzt ist, bieten sich neue Anknüpfungspunkte nach Israel. Daraus können neue Zusammenarbeit und Freundschaften entstehen und die Bindung Israels an den Westen weiter gestärkt werden. Es wäre sehr zu wünschen, dass Deutschland dabei eine besonders aktive Rolle spielt.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr.

Ihre

Dr. Johannes Bohnen  & Jan-Friedrich Kallmorgen

Inhaltsverzeichnis
Quellen des israelischen Wirtschaftserfolgs
Kleines Land mit großem IT-Potential
Tel Aviv: Kaderschmiede für innovative Köpfe
Vom Militär zum digitalen Entrepreneur
Zeltproteste für soziale Gerechtigkeit
Im Portrait: Yossi Vardi, Übervater der israelischen Hightech-Industrie
Rückblick 2011: Die wichtigsten Köpfe des arabischen Frühlings
Krisenszenarien 2012

 

Quellen des israelischen Wirtschaftserfolgs

Dan Senor und Saul Singer: Start-Up Nation Israel. Was wir vom innovativsten Land der Welt lernen können, Hanser Verlag, erscheint in deutscher Sprache am 6.2.2012

Israel weist mit einer Gesamtbevölkerung von über sieben Millionen Einwohnern und 3.850 Jungunternehmen eine der höchsten Dichten an Startups auf. Der Technologiesektor boomt und scheint von sicherheitspolitischen Veränderungen größtenteils unberührt. Israel hat es geschafft, potentielle Nachteile in Stärken umzuwandeln: aus dem regionalen Boykott israelischer Produkte entstand ein auf Hochtechnologie spezialisierter Exportmarkt, die kleine Landesfläche wurde als Testzentrum für erneuerbare Energien genutzt. Diese Innovationskraft zusammen mit Unternehmensgeist und Technikaffinität macht Israel zu einer erfolgreichen „Startup-Nation“.

Ein wichtiges Kriterium ist die geringe Größe des Landes, die Israel dazu verpflichtet, sich in der Produktion auf Qualität statt Quantität zu konzentrieren. Israels Kreativität entsteht nicht in Relation zu seiner Größe, sondern zu seinen Bedrohungen. Bedingt durch den Boykott israelischer Produkte durch arabische Staaten, musste sich Israel früh auf entlegene Märkte konzentrieren. Die damit verbundenen hohen Exportkosten führten zu einer Spezialisierung auf kleine, anonyme Komponenten und Software. Damit ist Israel in der wissens- und innovationsbasierten Wirtschaft hervorragend positioniert.

Israel bietet sich als ideale Probebühne zum Testen neuer Produkte an, so zum Beispiel von Elektroautos. Durchschnittlich legen Israelis pro Tag weniger als 100 Kilometer zurück, eine Distanz, die mit einer einfachen Batterieladung problemlos überwunden werden kann. Der israelische Batteriehersteller Better Place des früheren SAP-Vorstands Shai Agassi hat im Sommer die erste Batteriewechselstation in Israel eröffnet und ein enges Infrastrukturnetzwerk wird folgen.

Der Wirtschaftserfolg ist auch auf die typischen Eigenschaften eines israelischen Entrepreneurs zurückzuführen: Kritische Urteilsfähigkeit, Experimentierfreudigkeit, „Rosh gadol“ (Initiative ergreifen) und eine gute Portion Chuzpe, was laut Wörterbuch mit Unverfrorenheit, Dreistigkeit oder Unerschrockenheit übersetzt werden kann.

Während stark hierarchische Strukturen Kreativität unterdrücken können, bieten die flachen Strukturen in der israelischen Kultur die Grundlage für neue und revolutionierende Ideen. Die freie Art des Denkens fördert Kreativität und erlaubt neue disruptive Fortschritte in der Technologie. Zudem passen sich Israelis schnell an neue Entwicklungen an. Die Handy-Penetrationsrate liegt in Israel bei 125% und zeitweise führte Israel das Ranking zur höchsten Internetnutzungsrate an.

Hinzu kommt, dass der israelische Unternehmer ein hervorragender Netzwerker und Vertreter seines Landes ist. Seine „Wanderlust“, oft eine Folge des langen und einengenden Wehrdiensts, führt ihn in viele Länder und Kontinente. Dort verkauft er nicht nur seine eigenen Produkte, sondern vertritt die gesamte israelische Wirtschaft. Der israelische Unternehmer übernimmt somit die Rolle lokaler Handelskammern oder eines Handels- und Außenministers.

Die militärische Vergangenheit ist von hoher Bedeutung für den israelischen Technologiesektor. Die Elite-Einheiten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) sind bei Arbeitgebern vergleichbar beliebt wie die Top-Universitäten Harvard, Princeton oder Yale. Dementsprechend achten Firmen genau auf die Einheit, in der ein potentieller Arbeitnehmer tätig war und den Auswahlprozess, den er oder sie hierfür durchlaufen musste. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Eliteeinheiten des Militärs als Inkubatoren mehrerer israelischer Unternehmensgründungen im Hightech dienten (siehe Artikel aus der Financial Times).

Ein weiterer Baustein des Erfolgs ist eine große Diaspora, die weltweit vernetzt ist. Aufgrund enger persönlicher Bindung, gemeinsamer Armeedienste, geographischer Nähe und informeller Netzwerke, machen neue Geschäftsideen schnell die Runde. Israel spezialisiert sich auf wachstumsstarke Startups, die ganze Industrien weltweit umwälzen können. Hierfür braucht es spezialisierte Fachkräfte, wie Ingenieure, Wissenschaftler, Manager und Vermarkter, um radikale innovative Ideen zu kommerzialisieren.

Obwohl der israelische Technologiesektor von diversen Umbrüchen betroffen war, konnte Israel die Sicherheitspolitik erfolgreich von seinem Wirtschaftswachstum trennen. In der Zeit, in der der Osloer Friedensprozess ins Wanken geriet, es eine Welle von Selbstmordattentätern gab und die Technologie-Blase platzte, schaffte es Israel, das Exportniveau des Rekordjahres 2000 nicht nur zu halten, sondern es 2008 nochmals um 40% zu erhöhen. Auch die Investoren haben das Vertrauen, dass israelische Startups auch in Zeiten militärischer Auseinandersetzungen überlebensfähig sind.

Durch seine liberale Einwanderungspolitik, die Israel als erstes Land in seinen Gründungsdokumenten niedergeschrieben hat, wird der Fachkräftemangel weitestgehend abgefedert. Israel war immer abhängig von Einwanderungswellen, um die Wirtschaftskraft zu stärken. Folglich hat das Land heute den höchsten Anteil an Ingenieuren und Wissenschaftlern gemessen an der Einwohnerzahl. Jüdischen Neuankömmlingen und ihren nicht-jüdischen Familienmitgliedern werden Aufenthaltsgenehmigungen, Staatsbürgerschaften und andere Vorteile zugesprochen. Im Bildungsministerium beschäftigt sich ein Referat allein mit der Beurteilung und Anerkennung ausländischer Abschlüsse und ermöglicht dem Land den Zugriff auf Talente aus dem Ausland.

Eine große Herausforderung für Israel wird es sein, auch in Zukunft die Wirtschaftskraft zu stärken, politische Hindernisse zu überwinden und politische Anpassungen vorzunehmen, um der gesamten israelischen Gesellschaft die Vorzüge der israelischen Wirtschaftskraft zugänglich zu machen. Die israelische Kultur und der institutionelle Rahmen bieten jedenfalls ideale Bedingungen für weitere Innovationen im Hochtechnologieland.

 

Kleines Land mit großem IT-Potential

McKinsey & Company: The E-conomy.co.il. Impact of the internet on the Israeli economy, Juni 2011

Die israelische Internetwirtschaft liegt mit einem Anteil von 6,4% (NIS 50 Mrd.) am Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur knapp hinter dem Vereinigten Königreich (7,2%) aber weit vor Frankreich (3,2%). Das Potential des kleinen Landes in der globalen Internetwirtschaft wird damit deutlich. Das Internet wurde von allen Teilen der Bevölkerung angenommen und trägt viel zur lokalen und globalen Entwicklung der israelischen Wirtschaft bei. Baut das Land dieses Potential weiter aus, so ist zu erwarten, dass der Anteil der Internetwirtschaft im Jahr 2015 bei 8,5% des BIP liegen wird und damit ein Gesamtvolumen von 17 Mrd. Euro (NIS 85 Mrd.) ausmacht. Es ist vorherzusehen, dass die Internetwirtschaft in den kommenden Jahren mit einer jährlichen Rate von 9% doppelt so schnell wie die Gesamtwirtschaft wachsen wird.

Der Einfluss der Internetwirtschaft auf das israelische BIP lässt sich anhand der Gesamtausgaben der privaten Verbraucher, der Unternehmen und des Staates für fertige Waren und Dienstleistungen berechnen.

Ein überdurchschnittlich hoher Anteil am BIP ist bei Investitionen in internetbezogene Technologien auszumachen. So werden in Israel 10% der Gesamtinvestitionen in internetbezogene Technologien angelegt. Die jährliche Wachstumsrate internetbezogener Investitionen wird voraussichtlich 8% betragen und könnte im Jahr 2015 bereits 2% des BIP ausmachen.

Auch der israelische Arbeitsmarkt profitiert vom Internet. So sind bereits 130.000 (4%) aller israelischen Arbeitsplätze direkt in der Internetwirtschaft angesiedelt. Hinter einem Großteil der Jobs (80%) stehen ITK-Firmen, die vor allem Computer-Ingenieure, Elektroniker, Techniker und Programmierer beschäftigen. Der Anteil der IKT-Angestellten in der Privatwirtschaft ist von 5% im Jahr 1995 auf 8,6% im Jahr 2009 angestiegen. Im OECD Vergleich belegt Israel den zweiten Platz. Auffallend ist jedoch, dass Arbeitnehmer der IKT-Branche überwiegend männlich sind und doppelt so viel verdienen wie ältere Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft. Mehr

Tel Aviv: Kaderschmiede für innovative Köpfe

David Baker: Europe’s hottest startup capitals: Tel Aviv, Wired Magazine, 15. 08.2011

Das israelische Silicon Valley, genannt „Silicon Wadi“, erstreckt sich über 180km entlang der Küste von Haifa bis Jerusalem und hat seinen Hauptsitz in der knapp 400.000 Einwohner zählenden Hauptstadt Tel Aviv. In diesem Tal wurden in den vergangenen Jahren diverse Hightech-Produkte entwickelt, wie das Instant Messaging Programm ICQ und USB-Sticks. Da wundert es auch nicht, dass manches großes Technologieunternehmen seine Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in Israel beheimatet, darunter Google, Microsoft, Oracle und Intel. Die Technologie-Exporte Israels betrugen im Jahr 2010 28,5 Milliarden Euro. Israel investiert jährlich fast 5% des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung (siehe Weltbank). Im Vergleich dazu liegen die Investitionen in Deutschland und USA unter 3%, der EU-Durchschnitt gar bei 1,9%. Folgende drei israelische Startups zeigen exemplarisch die Innovationskraft des Landes:

  • The Gifts Project: Dieser Service, der gemeinsame Geschenkkäufe anbietet, wurde vor kurzem von eBay gekauft. Das Gift Project verkauft Plug-ins, Einzelseiten und White-Box Software, mit denen man sich an Geschenkideen für Freunde beteiligen kann. Die Spender können mit Kreditkarte oder PayPal bezahlen und weitere Freunde einladen, sich an dem Geschenk zu beteiligen. Je nachdem wie viel Geld zusammen kommt, kann das Geschenk auf- oder abgewertet werden.
  • Face.com: Dieses Startup hat es geschafft, innerhalb von drei Jahren fünf Millionen Dollar an Kapital zu generieren. Face.com geht mit der Gesichtskennung einen Schritt weiter als gewöhnliche Sicherheitsunternehmen. Sein Algorithmus kann Gesichter erkennen, die seitlich in die Kamera sehen oder Brillen tragen. Ihr Produkt PhotoTagger wird auf Facebook verwendet und macht den Nutzern beim Uploaden neuer Bilder automatisch Vorschläge. Ein weiteres Produkt von Face.com ist der Photo Finder, der es Nutzern ermöglicht, im Internet nach Fotos von Ihnen und Freunden zu suchen.
  • Wibiya, das von conduit.com aufgekauft wurde, stellt Apps für Websites zur Verfügung, die einfach und schnell angepasst werden können. Über den Wibiya Marktplatz können diese gekauft werden, um die Nutzer mit Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter zu verbinden, oder um Fotogalerien zu erstellen. Dadurch sollen die Nutzer länger auf den unternehmenseigenen Webseiten verweilen. Wibiya wird nun auch die Expansion im mobilen Bereich antreiben.

Israelische Tech Startups können zwar auf hervorragende Entwickler zurückgreifen, allerdings fehlen ihnen oftmals Designer, die die Benutzerfreundlichkeit sicherstellen und Vermarkter, die die Produkte auf den Markt bringen. Dies wird dazu führen, dass es in Zukunft noch mehr Joint Ventures mit Unternehmen aus dem Ausland geben wird, die diesen Fachkräftemangel ausgleichen können. Mehr

 

Vom Militär zum digitalen Entrepreneur

Thomas Buck: Israel’s army of tech start-ups, Financial Times, 30.11.2011

Den Erfolg des Technologiesektors verdankt Israel seiner speziellen Form der Wehrpflicht. Viele Entwickler in Unternehmen haben ein hartes Programm der Eliteeinheiten absolviert. Als Mitarbeiter der Geheimdiensteinheit 8200 beispielsweise, das israelische Pendant zur US-amerikanischen National Security Agency, durchlaufen sie ein intensives Training in der Hochtechnologie und Codierung. Dadurch sind sie für die Privatwirtschaft attraktive Arbeitnehmer und das Militär ist in seiner zentralen Rolle für den israelischen Technologiesektor nicht wegzudenken.

Viele junge Tech-Entrepreneurs entstammen der israelischen Geheimdienst-Einheit 8200, die auf die Überwachung, Analyse und Auswertung gegnerischer Kommunikationsmittel und Datentransfers spezialisiert ist. Zusätzlich fällt die Cyberkriegsführung in ihre Zuständigkeit. Über die Einheit 8200 ist wenig bekannt. Der genaue Standort der Einheit in der Negev Wüste wird beispielsweise geheim gehalten, wie auch ihr Budget, die Anzahl an Mitarbeitern und der derzeitige Befehlshaber. Gerüchten zufolge soll die Einheit 8200 maßgeblich an der Entwicklung des Stuxnet-Virus beteiligt gewesen sein.

Talpiot ist eines der selektivsten Militärprogramme, das jedes Jahr aus etwa 5000 Bewerbern die 50 besten auswählen kann. Mit 41 Ausbildungsmonaten weist Talpiot das längste Training auf. Ihre Absolventen verpflichten sich anschließend zu einem Militärdienst von zusätzlich sechs Jahren. Teil des intensiven Trainings sind Abschlüsse in Mathematik und Physik, aber auch Führungskräftetrainings und nachrichtendienstliche Ausbildung. Wenn die Absolventen der Eliteeinheit später auf den Arbeitsmarkt kommen oder im Militär bleiben, haben sie bereits wichtige Erfahrungen im Technologiebereich und im Programmieren gesammelt. Dies prädestiniert sie für eine Karriere als Entwickler und Entrepreneur im Hochtechnologiesektor.

Genauso wichtig wie die fachliche Ausbildung ist die emotionale Intelligenz. Die Einheiten schulen ihre Mitarbeiter in Teamarbeit und bieten ein lebenslanges Netzwerk an Kontakten. Die enge Vernetzung hilft Ihnen später enorm beim Ausbau und der Finanzierung ihrer Startup-Unternehmen. Ein solches Netzwerk ist Tech-Aviv, ein Startup Gründer-Club mit über 2000 Mitgliedern, der sich monatlich in Tel Aviv, New York, im Silicon Valley und Boston trifft, um neue Arbeiten zu präsentieren und Ideen auszutauschen. Mehr

 

Zeltproteste für soziale Gerechtigkeit

Dr. Roby Nathanson: Von den schwarzen Panthern zum Zeltprotest auf dem Rothschild-Boulevard. Ursachen und Hintergründe der sozialen Proteste in Israel, Friedrich-Ebert-Stiftung, November 2011

Israel ist zwar gesamtwirtschaftlich gesehen stabil, doch die sozialen Proteste der vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Früchte des Wachstums nicht allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen zukommen. Lange galt die Aufmerksamkeit ausnahmslos der sicherheitspolitischen Situation Israels. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit war zweitrangig. Die Ursachen der sozialen Proteste, die mit einem Zeltprotest auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv begannen, sind auf zunehmende Ungleichheiten zwischen der ärmeren und reicheren Bevölkerungsschicht zurückzuführen. Die Trajtenberg-Kommission, die als Folge der Proteste von der Regierung eingesetzt wurde, sieht die Gründe des Protests in ihrem Bericht in der steigender wirtschaftlicher Not, der empfundenen ungerechten Einkommensverteilung, sowie der Entkopplung von Bürgern und politischen Entscheidungsträgern.

Heute steht Israel mit einer starken Wirtschaft da, die mit einem BIP-Wachstum von 4,5% in 2009 der Weltwirtschaftskrise trotzte. Die israelische Zahlungsbilanz wies 2010 sogar einen Überschuss von über 6 Mrd. US-Dollar auf. Die fiskalische Stabilisierung führte jedoch zu einer starken Umverteilung.

Jede fünfte israelische Familie lebt heute unterhalb der Armutsgrenze, und dies angesichts steigender Bevölkerungszahlen. Die Staatsausgaben sind in den letzten Jahren, gemessen am BIP, gesunken. Die Privatfinanzierung im Gesundheitsbereich ist von 32,4% in 1995 auf 44,1% in 2007 gestiegen.

Vor allem die israelische Oberschicht, die 10% der Gesamtbevölkerung ausmacht, profitiert von einer niedrigen Besteuerung von Privatunternehmen und zieht einen bedeutenden Teil ihres Einkommens aus Eigenkapital. Fast die Hälfte des Marktvolumens wird von 16 Großkonzernen bestimmt. Die  israelische Gewerbesteuer ist mit 24% mittlerweile eine der niedrigsten in der OECD, während sie noch 1986 mit 61% die Höchste war. Bei der Mehrwertsteuer wird der Unterschied zwischen Arm und Reich noch deutlicher: während sie bei Geringverdienern mit 27% des Einkommens zu Buche schlägt, gehen bei den reicheren Bevölkerungsschichten nur 8% des Einkommens für die Mehrwertsteuer auf.

Während das reale Einkommen in den letzten zehn Jahren sank, sind die Lebenshaltungskosten gestiegen. Die Mittelschicht verwendet die Hälfte ihrer Ausgaben für Lebensmittel und Wohnungskosten. Die Angst, unter die Armutsgrenze zu fallen, hat die Proteste befeuert.

Die heutigen Zeltproteste lassen Parallelen zu den Demonstrationen der „Schwarzen Panter“ Ende der Siebziger Jahre ziehen. In den 70ern wurde trotz einer starken Wachstumsphase des Landes die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen jüdischen Einwanderern orientalischer und europäischer Herkunft immer größer. Die von den Protesten eingeforderte und ausgelöste Erhöhung der Sozialausgaben konnte diese Lücken jedoch nicht schließen und führte stattdessen zu einem erhöhten Haushaltsdefizit.

Heute kommt es darauf an, dass sozioökonomische Änderungen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der israelischen Wirtschaftskraft durchgesetzt werden. Um die Vorschläge der Trajtenberg-Kommission in konkrete Maßnahmen umzusetzen, braucht es nun den nötigen politischen Willen. Mehr

 

Im Portrait: Yossi Vardi, Übervater der israelischen Hightech-Industrie

Katia Moskvitch, Yossi Vardi, godfather of Israel’s hi-tech industry, BBC News, Tel Aviv, 08.12.2011

Ohne Joseph – „Yossi“ – Vardi wäre der Erfolg vieler israelischer Startups heute undenkbar. Er gilt als Vorbild und Inspiration für eine ganze Generation israelischer Jungunternehmer, die ihr Glück in der Hightech-Industrie suchen. In den letzen Jahrzehnten war Vardi am Aufbau von 80 israelischen Startups beteiligt, die vom Software- über den Cleantech- bis zum Mobiltelefonbereich reichen. Als die einflussreiche Konferenz TechCrunch 2008 die fünfzig vielversprechendsten Startups der Welt auswählte, waren darunter sieben Israelische. Eine Mehrzahl hatte Startkapital von Vardi erhalten.

Für Yossi Vardi ist immer das menschliche Potential ausschlaggebend. Technologie gibt es seiner Meinung überall auf der Welt, den Erfolg Israels aber leitet er von einem kulturellen Phänomen ab. So wissen schon die Jüngsten, dass Ihre Mütter nichts weniger als den Nobelpreis von ihnen verlangen.

Auch wenn Yossi Vardi immer einen Witz auf den Lippen trägt, ist er sich seiner Investitionen sehr sicher. Er gibt zu, dass er die hochkomplexe Technologie hinter den Ideen oft nicht durchdringt, legt dafür aber großen Wert auf Talent. Gerne investiert er in junge Menschen, die aufgeweckt und geschickt sind und ihre Produkte verbraucherorientiert entwickeln. Diese Eigenschaften hatten ihn schon bei seinem Sohn Arik und dessen Freunden überzeugt, denen er 1997 Kapital für ihre Firma Mibabilis gab. „Ich wusste, dass sie talentiert waren und so gab ich ihnen ein wenig Geld. Wie gesagt, der Rest ist Geschichte!“, wird Vardi oft zitiert. In nur wenigen Monaten verkauften Arik und seine Freunde das Startup für 400 Mio. Dollar an AOL.

Vardi ist mehr als nur ein Finanzinvestor. Jungunternehmer schätzen, dass er viel Produkt- und Geschäftserfahrung mitbringt, ganz zu schweigen von seinem Netzwerk. Aus seinem Umfeld hört man, dass er eine andere Art zu denken hat, die manchmal etwas „verrückt“ anmutet. Bemerkenswert ist auch, dass Vardi fast immer in der Lage ist ein Geschäft erfolgreich abzuschließen. So ist es ihm zu verdanken, dass die Verhandlungen zum Instant Messaging Programm ICQ, die fast am gegenseitigen Misstrauen gescheitert wären, mit seiner Hilfe doch noch erfolgreich abgewickelt wurden.

Vardi investiert aus einer Mischung an persönlicher und nationaler Überzeugung. Sein mutiges Eingreifen nach dem Platzen der Dotcom-Blase, ist mit dem von J.P. Morgan im Krisenjahr 1907 und dem Warren Buffets im Jahr 2008 zu vergleichen – wenn auch in kleinerem Maßstab. Wie Buffet und Morgan nutze Vardi im Krisenjahr 2000 seine Führungsrolle und bewies Standhaftigkeit. So half er mit, die israelischen Startups über Wasser zu halten und trug zu einer positiven Wende des Sektors bei. Mehr

 

Rückblick 2011: Die wichtigsten Köpfe des arabischen Frühlings

Foreign Policy: The Foreign Policy Top 100 Global Thinkers, November 2011

In der Liste der 100 wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres 2011 vereinen sich unter den Top 20 bedeutende Köpfe des arabischen Frühlings. Unter den Regimekritikern finden sich Schriftsteller, Anwälte, Karikaturisten, Internetaktivisten – sie alle haben sich gegen ihre Regime aufgelehnt und für demokratischen Wandel eingesetzt. Bedient haben sie sich aber unterschiedlicher Sprachen und Kanälen.

Alaa al Aswanys Stimme ist in der gesamten arabischen Welt bekannt. Mit Romanen wie „Der Jakubijân-Bau“ und „Chicago“ hat er Gewalt, Korruption und die Unterdrückung der ägyptischen Gesellschaft unter Mubarak eindrücklich beschrieben. Er hat die Kifaya-Bewegung mitgegründet, deren Sprecher er zeitweise war und die als erste die Abschaffung des Regimes Mubaraks gefordert hatte. Sein Ruhm hat ihn bislang vor Verhaftung oder Verfolgung geschützt, trotz offener Kritik an den diktatorischen Verhältnissen in seinem Land. Der praktizierende Zahnarzt plant nach den Umbrüchen kein politisches Mandat, sondern möchte weiterhin die Macht der Worte als Schriftsteller nutzen.

Zwei Persönlichkeiten, die den politischen Willen der ägyptischen Bevölkerung auf globaler Ebene sichtbar gemacht haben, sind Mohammed elBaradei und Wael Ghonim. Der Diplomat und ehemalige Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) el-Baradei hat von Anfang an einen schnellen Machtwechsel in Ägypten geglaubt. Als möglicher Präsidentschaftskandidat setzt er sich nun für eine rasche Übergabe der Macht vom Militär an eine demokratisch legitimierte zivile Regierung ein. Unterstützung findet er in dem jungen Internetaktivist Wael Ghonim. „Wael Ghonim steht für die Jugend, die die Mehrheit der ägyptischen Gesellschaft ausmacht“, schreibt der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed al-Baradei in einem Porträt über Ghonim. Er bediene sich moderner Kommunikationstechniken, um die Massen zu mobilisieren und sie zu vernetzen. Als Google-Mitarbeiter ist er mit diesen bestens vertraut. Mit seiner über Facebook aufgerufenen Demonstration gegen das Regime Mubaraks auf dem Tahrir-Platz löste er die Protestwellen im Land mit aus.

Der politische Karikaturist Ali Fersat fand seine Waffe gegen das Regime Assads in seinen politischen Zeichnungen, für die er bereits etliche Preise erhielt, darunter den Sacharow-Preis für Menschenrechte 2011. Von der Organisation Reporter ohne Grenzen wurde er als „Journalist des Jahres“ ausgezeichnet. Die Bildsprache des syrischen Karikaturisten machte ihn auch über die syrischen Grenzen hinweg bekannt. Nach einem brutalen Übergriff im August 2011, in dem ihm symbolisch seine beiden „Waffen“ – die Hände – gebrochen wurden, ist er ins Exil nach Kuba geflohen.

Die Menschenrechtsanwältin Razan Zaitouneh ist seitdem ihr Mann und ihr Bruder verhaftet wurden und sie als Spionin angeklagt wurde, abgetaucht. Ihren Blog „Syrian Human Rights Information Link Blog“ (SHRIL) bespielt sie jedoch weiterhin mit Informationen zu Gewalttaten und Verbrechen des syrischen Regimes. Sie verhilft ausländischen Berichterstattern mit ihren mutigen Berichten ein Bild über das Regime Assads zu erhalten, das ihnen sonst verborgen bliebe.

Auch Tamakkol Karman aus dem Jemen spielte eine wichtige Rolle im Aufstand gegen das diktatorische Regime in ihrem Land. Sie ist Mitgründerin der 2005 ins Leben gerufenen Gruppe „Journalistinnen ohne Ketten“, die sich für Meinungsfreiheit und die Rechte der Frau einsetzt. Mitten auf dem „Platz des Wandels“ in Sanaa schlug sie ihr Zelt auf und protestierte mit ihrem Mann monatelang gegen den ehemaligen Präsidenten Saleh. Sie fordert nach der Machtübergabe Salehs nun stärkeren politischen Druck aus dem Ausland für Neuwahlen. In diesem Jahr erhielt sie für ihren Einsatz für Menschenrechte und die Rechte der Frauen in ihrem Land den Friedensnobelpreis. Mehr

 

Krisenszenarien 2012

Volker Perthes & Barbara Lippert: Ungeplant ist der Normalfall. Zehn Situationen, die politischer Aufmerksamkeit verdienen (Studie S32), Stiftung Wissenschaft und Politik, November 2011

Ungeplante Situationen stellen den Normalfall der internationalen Politik dar. Durch die fortschreitende Globalisierung werden auf Deutschland, die EU und die internationale Gemeinschaft immer öfter problematische Konstellationen und Krisen zukommen. Folgende Themenfelder werden zum Beispiel von besonderer Bedeutung sein:

Das ‚Zapfhahn zu‘-Szenario beschreibt den Lieferstopp saudischer Öllieferungen aufgrund innenpolitischer Konflikte nach Vorbild des arabischen Frühlings. Die fossil-basierten Exporte Saudi-Arabiens machen 12% der weltweiten Ölproduktion aus und sind somit in der Lage, die Weltwirtschaft stark zu destabilisieren. Das Eingreifen der USA zieht ein massives Ansteigen der Ölpreise oder die Destabilisierung der ganzen Region nach sich. Es bedarf daher eines flexibleren Umgangs mit Angebot und Nachfrage oder die frühzeitige Lösung innenpolitischer Konflikte.

Der Bau von Kernkraftwerken, wie dies mehrere arabische Staaten planen, birgt durch die geografische Nähe Gefahrenpotential für Europa. Unfälle sind möglich, da die notwendige Infrastruktur zum Betreiben von Kernenergieanlagen sehr hohe Anforderungen an die Staaten stellt. Des Weiteren kann der Bau auch dem Einstieg in die militärische Nutzung der Kernenergie dienen. Ein atomarer Rüstungswettlauf im instabilen Nahen Osten wäre die Folge. Zusätzlich wäre die Energieversorgungsstrategie der Region durch die Amortisierungszeiträume langjährig festgesetzt. Gegenmaßnahmen sind die Verweigerung europäischer Finanzierung und verstärkte Werbung für regenerative Energien in den arabischen Staaten.

Die Klimafolgenabwehr durch Geo-Engineering ist ebenfalls kritisch zu bewerten. Die Entscheidung, dem Klimawandel unilateral durch technische Methoden (z.B. das „Impfen“ der Wolken mit Silberiodid-Feinstaub) entgegenzutreten, stellt kooperative Normen in Frage. Besonders die US-Ansätze militärischer Art und das chinesische Vorgehen zur Verbesserung der  Wirtschaftsleistung machen ein weltweites einheitliches Vorgehen gegen die Klimaerwärmung unmöglich. Vorteile für Geo-Engineering sind geringe Kosten, dagegen sprechen allerdings die unabsehbaren Risiken und geringe Langzeitwirkung. Um der Wahrscheinlichkeit eines technischen Wettrüstens entgegenzuwirken und Einfluss zu nehmen, muss Deutschland auf die Entwicklungen in anderen Staaten eingehen.

Die Eurozone steht vor aktuell großen Herausforderungen. Das Ausbleiben von Erfolg der bisherigen Euro-Rettungsmaßnahmen, die Grenze der Solidaritätsbereitschaft, die umfangreichen Auswirkungen von wirtschaftlichen und sozialen Kosten und der Widerstand gegen weitere Unterstützung durch etablierte Parteien der Geberländer erhöhen das Blockaderisiko. Das Unterlassen weiterer Hilfsmaßnahmen lässt einzelne Länder zahlungsunfähig zurück, was solvente Staaten negativ beeinflussen kann. Möglich ist die Kompetenzübertragung an supranationale Institutionen, die EZB nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Zusätzlich muss eine grundlegende Diskussion über künftige Integrationsperspektiven geführt werden, bei der Vor- und Nachteile eines Verbleibs in der EU Gewichtung finden.

In jüngerer Zeit haben regionale Separationsbewegungen in einzelnen EU-Mitgliedsstaaten an Zulauf gewonnen. Schottland, Belgien und Katalonien können die ersten Fälle sein, bei denen die EU einen Separationsprozess begleiten muss. Der Prozess der Anerkennung und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen muss normiert werden, ebenso die Übergangsbestimmungen zur Anwendung von EU-Recht. Unabdingbar ist in jedem Fall eine Änderung von Primär- und Sekundärrecht. Besonders das Problem der beweglichen Grenzen – der Herauslösung von Regionen aus territorialem Gebiet der EU – und damit verbundene Anzweifelungen von Territorialgrenzen stellt ein großes Konfliktpotential dar. Es muss flexibel auf Loslösungstendenzen reagiert und diese in koordinierten Verfahrensweisen der EU festgelegt werden.

Die mögliche Gefahr eines globalen Jihad wird durch den arabischen Frühling angeheizt. Neue jihadistische Hochburgen im Jemen oder im Sahel können neue Terroristen ausbilden und Waffen erbeuten. Die folgende Welle der Gewalt wird ganze Regionen ins Chaos stürzen, zusätzlich können durch die jihadistischen Netzwerke eine weltweite Destabilisierung einsetzen und sozio-politische Krisen massiv verstärkt werden. Europa kann sich durch die Eindämmung der sozio-politischen Probleme vor Ort schützen. Langfristige wirtschaftliche Hilfe ist nötig, zusätzlich festigen Reformprozesse das Mitspracherecht der Bevölkerung. Eine Einbindung von Jihadisten und Salafisten, welche der Gewalt abschwören, ist jedoch für eine Stabilisierung unabdingbar. Mehr

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